Juni 26, 2022

Frau Rot

Im April übernahm ich von einem Tierschutzverein vier Hennen, die direkt aus einer industriellen Bodenhaltung kamen.

Eine von ihnen ist Frau Rot. Sie war fast nackt, hypernervös und aggressiv. Wenn ich ihr meine Hand hinhielt, hackte sie wie eine Geisteskranke darauf ein, wenn es Futter gab, stürzte sie sich darauf, als wäre sie am verhungern, obwohl noch genug im Napf daneben lag. Wenn es ein Bild für „Stress“ gibt, dann war es das Gesicht dieser Henne.

In den ersten Wochen gab es viele erste Male für die vier Hennen, das erste Mal freier Himmel, das erste Mal Sandbaden und das erste Mal Regentropfen, das erste Mal ein Pferdekopf auf Augenhöhe, das erste Mal Weintrauben und das erste Mal Apfel. Manchmal ergaben sich sehr lustige Momente, manchmal war ich zu Tränen gerührt.

Heute ist Frau Rot nicht nur gelassen und selbstbewusst, sondern auch die Schlauste von allen. Gestern erst hatte sie ein winziges Loch im Zaun entdeckt und war hindurchgeschlüpft. Sie schlenderte gemütlich an der Straße entlang. Nachdem ich meinen Fast-Infarkt im Griff hatte und sie sich in meine Armbeuge kuschelte , während ich sie zurück in den Garten trug, erklärte ich ihr, wie gefährlich solch ein Ausflug wäre. Als ich sie absetzte, legte sie den Kopf schief, sah zu mir auf und erzählte mir minutenlang in ihrem Hühnergebrabbel, das so viele Nuancen und unterschiedliche Betonungen hat, was sie alles gesehen hat, wieviele Regenwürmer unter der großen Kastanie krabbeln und dass diese komischen lärmenden glänzenden Dinger ganz schön schnell vorbei fahren.

Ich bin sehr dankbar, eine so eindrucksvolle Persönlichkeit wie Frau Rot zu meinen Freundinnen zu zählen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.