Oktober 18, 2021

Der Clown, das Krankenhaus und ich

Ich bin in 2018/19 auf den Clown gestoßen. Eigentlich suchte ich nur einen witzigen Aufhänger für eine Liebesgeschichte und habe deshalb in der Clownschule von Uli Tamm in Hamburg einen Schnupperkurs mitgemacht. Was soll ich sagen … ich war angefixt – keine Chance mehr, dem zu entrinnen.
Der Liebesroman ist so ganz nebenbei in 2019 und 2020 entstanden und unter dem Titel „Clownsküsse“ heute sogar auf Platz 14 der Belletristik – Bestsellerliste bei Twentysix, was natürlich für mich eine riesengroße Freude ist. Vielen Dank dafür! (Und in der Schreibtischschublade liegt übrigens ein Sachbuch zum Thema, an dem wir mit mehreren Leuten arbeiten.)

Was aber hat der Clown mit meinem Krankenhausaufenthalt zu tun?
Manche meiner Freunde nehmen vielleicht an, dass ich hier den Spaßmacher und Komiker raushängen lasse, um meine wahren Gefühle dahinter zu verbergen. So ähnlich wäre es wohl vor meinem Clownsleben gewesen, denn als Dozentin in der Erwachsenenbildung mit 20 jähriger Berufserfahrung habe ich gelernt, mich jederzeit heiter, ausgeglichen und entspannt zu zeigen, ohne meine Mitmenschen hinter die Kulissen blicken zu lassen.

Doch der Clown verändert das. Es habe es selbst erst seit kurzem wirklich verstanden und hoffe, dass ich es einigermaßen verständlich erklären kann.
Ein echter Clown ist nicht nur einfach Spaßmacher oder Komiker. Die Seele des Clowns findet sich in der Kindheit. Ich finde mein inneres Kind, wenn ich mich daran erinnere, wie ich vor 55 Jahren in der Sandkiste gespielt habe. Mir war alles egal, was gestern war, was morgen passiert, wie ich aussehe oder was die anderen Kinder von mir denken. Das einzige, was von elementarer Wichtigkeit war, war der Sand und die Kuchenform und wie viel Wasser ich in den Sand mixe, damit der Kuchen nicht auseinanderfällt, ganz viel Neugierde und ganz viel Staunen.
Dieses Fühlen und Denken des Kindes ging mir im Laufe des Erwachsenenwerdens verloren, weil Erwachsensein eben viel komplizierter ist. Als erwachsene Menschen stehen wir täglich so vielen Fragen gegenüber. Wie wird meine Karriere verlaufen, wenn ich jetzt mit meiner Chef*in dieses Gespräch führe? Wie muss ich mich benehmen, um mich in dieses Team gut zu integrieren? Wie muss ich auftreten, um respektvoll behandelt zu werden? Was mache, ich wenn die Miete erhöht wird? Reicht mein Geld dann noch? Bin ich hübsch? Bin ich zu dick? Wie muss ich mich zurechtmachen, damit ein Mann sich in mich verliebt? Was ist gerade modern? Wird meine Altersversorgung ausreichen? Ist meine Wohnung ordentlich genug, was denken meine Besucher von mir? … usw. usw. usw.

Während der Ausbildung zum Clown habe ich gelernt, zur Erholung vom anstrengenden Erwachsenendasein, immer mal wieder diese Fragen, die jede Minute meines Erwachsenenlebens auf irgendeine Weise beeinflussen und es dadurch ziemlich anstrengend machen, zur Seite zu schieben und so die Stufen in meine Kindheit zurück hinabzusteigen.
Das ist nicht einfach, zumindest in meiner Generation war es ja noch so, dass Kinder nicht vollwertiger Mitglieder der Gesellschaft sind, sondern eher nur dumme und ungeschickte Anhängsel. Als Kind wollte ich also unbedingt ganz schnell erwachsen werden, um in der Welt ernst genommen zu werden. Jetzt den Weg umgekehrt zu gehen und freiwillig wieder ein naives Kind zu werden, kostet schon eine gewisse Überwindung.
Ich konnte das nicht mit Gewalt oder Willensanstrengung, sondern ich musste das üben und Schritt für Schritt immer wieder mich selbst überwinden. Wenn man immer darauf geachtet hat, wie man sich anderen Personen gegenüber darstellt, kann man nicht so leicht einfach man selbst sein, vor allem, wenn man vergessen hat, wie man eigentlich tatsächlich ganz authentisch ist, denn viele Erwachsenen – Gedanken und Gewohnheiten begleiten uns ja über viele, viele Jahre, sodass uns gar nicht mehr klar ist, ob sie angewöhnt, gelernt oder authentisch sind.

Wenn ein Clown auf diese Art sein Ur-Kind gefunden hat, es mag, es liebt und zärtlich zu ihm ist, und so auf die Bühne, oder improvisierend auf die Straße geht und spielt, dann entdecken die Zuschauer in seinem Spiel ihr eigenes inneres Kind und sehen, dass sie es genauso lieben dürfen, wie der Clown es vormacht, anstatt es unter tausend Regeln und Zwängen zu verstecken. Das ist das Geheimnis eines Clowns, der seine Zuschauer berührt.

An alle Clowns in meinem Freundeskreis!
Ergänzt gerne in den Kommentaren Eure Meinung, Eure Erfahrungen oder korrigiert mich auch, wenn ich als Anfängerin es nicht richtig erklärt habe. Lasst gerne Links zu Euren Seiten oder zu Workshops da, auf dass jeder, der mit seinem Clown flirtet, sich traut ihn auch kennenzulernen.

Sabine Bruns

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.