Februar 23, 2020

Besser reiten mit Tai Chi & Mentaltraining

Kampfkünstler unterscheiden innere und äußere Techniken. Das Äußere meint den Körper, die Kraft, die Muskelarbeit, das Innere bezieht sich auf Meditation und Konzentration, also das, was „innen“ wirkt.

„Qi“ oder auch geschrieben „Chi“ lässt sich schwer übersetzen. Es steht für europäische Begriffe wie Energie, Atem, Temperament, Kraft, Atmosphäre und auch die Emotionen des Menschen. Qi ist ein zentraler Begriff des Daoismus und steht lt. Wikipedia nach moderner daoistischer Auffassung auch für die Tätigkeit des neurohormonalen Systems.

Warum ist das Wissen um Energie und Kraft für Reiter interessant?

Diese Faktoren spielen eine Rolle:

1.

Kraft, die unseren Körper bewegt ist Energie. Diese Energie kann aus uns selber kommen -> Ich spanne einen Muskel an. Oder sie kann von außen kommen-> Jemand fasst meine Hand und hebt meinen Arm an. Kräfte, die von außen wirken sind auch beispielsweise der Wind und die Schwerkraft.  Und während des Reitens beeinflusst der Schwung des Tieres meine Bewegungen, wie ein Tänzer, der mich herumwirbelt – wenn ich mich nicht dagegen sperre.

Muskelarbeit wird vom Gehirn gesteuert. Nur ein Bruchteil dieser Steuerung ist bewusste Steuerung von Bewegungen, das meiste läuft unbewusst und scheinbar automatisch ab. 

Selbstversuch: Konzentriere Dich und spanne Deine Gesäßmuskulatur an, ohne deinen Körper zu bewegen. – Klappt ganz gut, oder? Nun konzentriere Dich und spanne Deine Oberschenkelmuskulatur an, ohne deinen Körper zu bewegen. – Schon schwieriger, oder? Nun spanne die Muskeln deines Zeigefingers an OHNE diesen zu bewegen – geht nicht, oder?

Zusätzlich haben wir in unserem Körper sehr viele Muskeln, von deren Existenz wir nichts wissen, weil wir sie nie bewusst spüren oder steuern. Grundlegend ist es so, dass das Gehirn die Steuerung von sich oft wiederholenden Bewegungen in Bereiche auslagert, die von unserem Verstand getrennt sind, damit dieser sich auf anderes konzentrieren kann. 

2. 

Man kann die Muskelarbeit in unserem Körper in zwei Kategorien unterteilen. Das eine ist Haltearbeit (Tonische Muskelarbeit) und das andere ist Bewegungsarbeit (Phasische Muskelarbeit). Während wir die Bewegungsarbeit noch – wie oben im kleinen Selbstversuch- teilweise mit dem Verstand steuern können, beeinflussen wir die Haltearbeit unseres Körpers praktisch gar nicht. 

3.

Es gibt erlernte Bewegungen und es gibt instinktive Bewegungen, die wir vor allem als Schutzreflexe wahrnehmen. Reflexe werden nicht vom Gehirn gesteuert sondern sind eine unmittelbare Reaktion auf z.B. Schmerz. 

4. 

Es ist möglich, die unter 1. bis 3. aufgeführten Tatsachen durch den Willen und große Konzentration zu beeinflussen.  Hierzu führen die Techniken des Tai Chi und des Mentaltrainings.

Ein Mensch kann schmerzunempfindlich werden, weil er alle Gehirnzellen, die den Schmerz wahrnehmen könnten, mit anderen Aufgaben beschäftigt. Man kann sich also von Schmerzen ablenken.  Genauso kann man sich von Gefühlen ablenken, die gutes Reiten behindern (Angst, Stress, Wut).

Ein wichtiges Mittel, Muskelarbeit zu beeinflussen ist die Visualisierung, das Denken von Abläufen / Bildern. Hierbei überliste ich mein Gehirn, denn wenn ich mir den Film einer Bewegung ganz konzentriert vorstelle, agiert der unbewusste Teil meines Gehirns durch die gleiche Aktivität als  wenn ich diese Bewegung tatsächlich ausführen würde. Auf dieser wissenschaftlichen Erkenntnis (Carpenter – Effekt) baut das Mentaltraining auf, das viele Hochleistungssportler nutzen, um ihre Leistungen zu optimieren.

Selbstversuch: Stell Dich gerade hin und konzentriere dich darauf, deine Haltemuskeln anzuspannen. – Geht nicht, oder? Nun konzentriere dich und stell dir vor, dein Pferd steht neben dir und wird dich jetzt anrempeln und umstoßen. – Wie fühlt sich dein Körper an? Anders, oder? Die Haltemuskeln sind aktiv geworden-trotzdem kann man sie nicht bewusst fühlen.

Was passiert nun beim Tai chi?

Stell dir vor, du kannst durch Visualisierung Haltemuskeln in deinem Körper dazu bringen, Bewegungsarbeit zu leisten. Da du die Haltemuskeln nicht spüren kannst, würdest du den Eindruck bekommen, bewegt zu werden, während deine Bewegungsmuskeln völlig entspannt sind. Stell dir vor, wie sich Reiten auf diese Art anfühlen würde! Der pure Genuss!

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Reiter tendieren dazu, Bewegungsmuskeln anzuspannen und dadurch ihre Beckenbeweglichkeit einzuschränken. Besonders in gefährlichen Situation werden wir steif. Auf dem Pferd ist das der Grund, warum ein Reiter aus dem Sattel geschleudert wird, wenn das Pferd scheut. Er kann die vom Pferd weitergegebene Energie nicht nutzen. Bleiben die Bewegungsmuskeln locker, kann die Pferdeenergie übernommen werden. Der Reiter bleibt auf dem Pferd. Pferd und Reiter agieren als Einheit. (siehe oben Punkt 1)

Durch die bewusste Steuerung von Atmung und Bewegung, durch die Ausnutzung der Schwerkraft als Energiequelle und vor allem durch die konzentrierte Schaffung von Bewegungsbildern im Gehirn (Visualisierung) aktiviere und nutze ich alle zur Verfügung stehenden inneren und äußeren Energiepotentiale so effektiv, dass sich  die Bewegungen meines Körpers völlig neu und viel leichter anfühlen. 

Bewegungen werden mühelos,  die Arme muss man nicht mehr selber tragen sondern sie hängen an Marionettenfäden, man ist tief in der Erde verwurzelt und die Bewegungen der Gliedmaßen werden von Wellenbewegungen im Körper ausgelöst, während man selber passiv bleibt.

Für uns Reiter eröffnen sich unglaublich schöne, mühelose Möglichkeiten der Kommunikation mit dem Pferd, wenn man diese innere Kunst mit aufs Pferd nimmt.  

Wer sich weiter informieren will –  ich empfehle folgende Bücher:

„Functional Training“, Michael Boyle, Verlag Riva

„Mit mentaler Wettkampfvorbereitung zum Erfolg“ Michael Draksal, Draksal Fachverlag

„Mentaltraining für Reiter“,   Antje Heimsoeth, Verlag Müller-Rüschlikon

„Mentales Training“, Jan Meyer/ Hans-Dieter Hermann, Springer Verlag GmbH

„Taiji, Atemenergetik und Biomechanik“,   Frieder Anders, Volker E. Brauner, Alexander Zock, Verlag Hans Huber.

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