Mythos „Talent“?

Muss man talentiert sein, um wirklich gut reiten lernen zu können?

Kennen Sie das? Sie arbeiten diszipliniert mit ihrem Pferd, nehmen Unterricht, reiten auf Lehrgängen, lesen Fachbücher und trotzdem, trotz aller Mühe, wird es irgendwie nicht so richtig schön, nicht so, wie sie es sich eigentlich damals vorgestellt hatten, als der Traum, Reiten zu lernen, noch ein nicht verwirklichter Traum war?

Während andere Reiter anscheinend spielend immer besser werden, scheitern sie immer wieder an den gleichen Aufgaben?

Vielleicht ändern sie auch die Reitweise oder die Ausbildungsmethode und gehen neuen Mutes auf den Weg zur Reitkunst und wieder stoßen sie irgendwann an diese verfluchte unsichtbare Schranke und es geht einfach nicht weiter.

Sie träumen davon mit dem Pferd eine Einheit zu sein, sie träumen davon, ihrem Pferd zu vertrauen, sie träumen davon, mühelos in wunderbarer Haltung auf dem Pferd zu sitzen, wie man es doch so oft sieht….

Aber er klappt nicht.  Sie kommen einfach nicht weiter. Und je mehr sie daran arbeiten, desto mehr verkrampfen sie innerlich und äußerlich und irgendwie ist eigentlich nichts so, wie sie es sich eigentlich damals erträumt haben…..

Was ist anders bei diesen Menschen, denen die Reitkunst „in die Wiege“ gelegt wurde,  was ist anders bei diesen Menschen, die einfach so reiten lernen und kontinuierlich immer besser werden?

Es gibt mehrere Gründe, die wirklich gutes Reiten blockieren, weil sie die enge Verbindung zwischen Mensch und Tier verhindern. Dieses sind meiner Erfahrung nach die vier häufigsten:

Angst – Selbst wenn man nicht mehr glaubt, Angst zu haben, kann sie in unserem Unterbewusstsein aktiv daran arbeiten, dass wir uns psychisch „festklammern“, statt „loslassen“

Denken – Wir denken in erlernten Mustern, die wir von schlechten Lehrern oder unseren Eltern aufgebürdet bekommen haben. Diese Muster können erfolgreiches Lernen blockieren.

Selbstvertrauen – Tief in uns kann der feste Glaube stecken, nicht gut genug zu sein, was Erfolgserlebnisse und damit die Freude am Lernen blockiert.

Freude – Lernen als Zwang (verursacht durch eigenen Druck oder den des Lehrers/ der Lehrerin) ist nie erfolgreich.

Menschen, die frei, freudig und selbstbewusst probieren und üben, gelten als talentiert, weil sie schnell erfolgreich werden. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch nicht angeboren, sondern werden in der frühen Kindheit geschaffen … oder verhindert. Auch als erwachsener Mensch ist es möglich, Weichen, die einmal falsch gestellt worden sind, umzustellen, man muss nur die Wege dazu kennen.

Sabine Bruns , Autorin & Referentin, Mentaltrainerin, Tierphysiotherapeutin, Tai Chi Lehrerin, Physio-Riding

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Die Lende als Fixpunkt guten Reitens

Mit dem Hintern sitzt der Reiter auf dem Rücken des Pferdes. Um sich den Pferdebewegungen anzupassen und sie zu steuern, muss der Reiter seine Lendenregion kennen. 

Bild links:

Das Becken ist mittels der Iliosakralgelenke (ISG – gelbe Pfeile) an der Lendenwirbelsäule befestigt. Da die ISG nicht beweglich, sondern bandhafte feste Verbindungen sind, kann das Becken nur mitbewegt werden, wenn  die Lendenwirbelsäule agiert.

Bilder unten :

Um sich das bewusst zu machen, hilft folgende Übung im Stehen oder auf dem Pferd: Man legt einen Finger auf den Hüfthöcker und kippt das Becken abwechselnd nach vorne und hinten.  Will man dabei im Oberkörper gerade bleiben, muss man die Lendenwirbelsäule bewegen. Bleibt man im Rücken steif, muss man den ganzen Oberkörper nach vorne oder hinten neigen, um das Becken entsprechend zu kippen. Auch die Beckenbewegungen für Gewichtsverlagerungen funktionieren nur über Muskelarbeit in der Lende.

Beim Pferd ist der Körperbau nicht anders.

Auch das Pferd kann sein Becken nur mit der Lendenwirbelsäule bewegen. Das bedeutet: Zur Gewichtsverlagerung in der Versammlung, die letztendlich die Kopf-Hals-Haltung bestimmt, muss das Pferd die Lende bewegen. Zum Untertreten der Hinterhand in der Versammlung muss das Pferd die Lende bewegen. Zur Körperbiegung zwecks Geraderichtung muss das Pferd die Lende bewegen.

Die Bewegung von Lende und Becken findet über verschiedene Muskeln statt. Im Rücken sorgen kleine Muskeln direkt an den Gelenken der Lendenwirbelsäule (LWS)  für die Streckung, im Körper sorgen tiefe Muskeln für die Beugung der LWS und schließlich sind auch die Bauchmuskeln erheblich an der Bewegung der LWS beteiligt.  

Der lange Rückenmuskel

Der lange Rückenmuskel (Longissimus dorsi), im Bild orange dargestellt, streckt sich über die gesamte Wirbelsäule. Wird er angespannt, steht der Mensch gerade und steif,  die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule und damit des Beckens ist blockiert. 

Auch dieser Umstand ist bei Pferd und Mensch gleich. 

Um das Becken und die Lendenwirbelsäule bewegen zu können, muss der lange Rückenmuskel entspannen. Das ist nur möglich, wenn die kleinen, tiefen Muskeln im Körper kräftig genug sind, um für die nötige Stabilität bei guter Beweglichkeit zu sorgen. 

Aspekt aus dem Mentaltraining:

Wenn wir uns unsicher oder bedroht fühlen, spannen wir den langen Rückenmuskel instinktiv in Verteidigungsbereitschaft an. Dann ist gutes Reiten nicht mehr möglich.

Das gleiche gilt für das Pferd.  Fühlt es sich unsicher oder bedroht, oder verursacht der Reiter durch eine steife Körperhaltung ein unangenehmes bis schmerzhaftes Gefühl in der Sattellage, wird es den langen Rückenmuskel anspannen und damit die Bewegung von Becken und Lende massiv behindern.

Aspekt aus dem Tai Chi – Stabilität statt Steifheit

Die kleinen Bewegungsmuskeln rund um Becken und Lende müssen perfekt zusammen spielen können. Spannen die vorderen Muskeln an, müssen die hinteren entspannen und umgekehrt. Nur dann kann genügend Kraft und Stabilität erzeugt werden, um auch auf dem Pferd das eigene Becken so zu bewegen, dass der Reiter trotz Rückenbewegung des Pferdes Weichheit und Stabilität vereinen kann, ohne dabei steif zu werden.

Die verwendeten Bilder dieses Artikels stammen aus dem Buch Physio-Riding mit Sabine Bruns, Verlag Müller-Rüschlikon. 

Anti Angst / Anti Scheu ….

Bin ich mit meinem Pferd unterwegs, begegnen mir immer wieder unbekannte Gegenstände oder ich gerate in neue Situationen, in denen mein Pferd Angst bekommen kann. Um ein im Gelände zuverlässiges Pferd zu haben, werden mir deshalb Anti-Scheu-Workshops angeboten.

Wann ist ein solcher Workshop sinnvoll und wie muss er aufgebaut sein, damit er mir wirklich hilft?

Es nützt mir nichts, wenn mein Pferd in einem solchen Workshop mit unbekannten Gegenständen konfrontiert wird, diese dann in Ruhe beschnuppert und schließlich keine Angst mehr vor ihnen hat.

Warum nicht?

Weil ein Anti-Scheu-Workshop nur sinnvoll ist, wenn ich lerne, wie ich genau diese eine Minute manage, in der mir und meinem Pferd etwas Unbekanntes begegnet und mein Pferd Angst bekommt.

Haben wir im Anti-Scheu-Seminar einen roten Regenschirm in der Reithalle kennengelernt, heißt das nicht, dass mein Pferd vor einem roten, gelben oder bunten Regenschirm auf der Straße nicht scheuen wird. Im Gegenteil, die Situation ist eine völlig andere, das Pferd wird sie nicht mit dem roten Regenschirm des Seminares in Verbindung bringen.

Ein Anti-Scheu / Anti -Angst -Workshop des PHYSIO-RIDING enthält folgende Elemente:

1. Schritt: Analyse

Was passiert bisher, wenn mein Pferd scheut? Was geschieht in jeder Zehntel Sekunde der gefährlichen Situation? Was denkt mein Pferd und wie agiert oder reagiert es? Was denke ich, wie agiere oder reagiere ich?

2. Schritt: Planung

Wie sollte ich mich optimalerweise in jeder Zehntel-Sekunde einer gefährlichen Situation benehmen, um für  mein Pferd und mich Sicherheit zu gewährleisten?  Wie kann ich die Situation entschärfen, um uns nicht zu gefährden?  Ich muss das richtige Denken, die richtige Körpersprache, die richtigen Gesten und Worte  lernen, mit denen ich meinem Pferd Sicherheit vermittele.

3. Schritt: Umsetzung

Wie lerne ich, das richtige Verhalten  als Reflex in diesem Moment abzurufen?

Ich muss das Agieren in dieser einen wichtigen Sekunde mental und physisch trainieren, damit es jederzeit abrufbar ist.

Hiefür sind die Techniken des Mentaltrainings und einige Übungen aus der chinesischen Kampfkunst Tai Chi  bestens geeignet.

Das Trainingsmotto beim Physio-Riding Anti-Scheutraining ist:

Beschütze Dein Pferd, dann vertraut es dir, wenn es brenzlig wird. 

Körperdrehung und Gewichtsverlagerung auf dem Pferd

Mit meinem Körper kann ich dem Pferd wichtige Signale vermitteln. Hierbei müssen zwei Bewegungsrichtungen unterschieden werden.

Zum einen gibt es die Körperdrehung, mit der ich die nach vorwärts gewählte Bewegungsrichtung koordinieren kann (siehe Bild), zum anderen gibt es die Gewichtsverlagerung, mit der ich die Stellung in den Seitengängen (Gewichtsverlagerung nach rechts oder links) und unseren Versammlungsgrad / Schwung (Gewichtsverlagerung nach vorne oder hinten) beeinflusse.

Ein häufiger Fehler ist es, diese Bewegungsmuster nicht klar genug zu unterscheiden. Es wird ein Konstrukt auf dem Pferd ausgeführt, das aus etwas Drehung und etwas Gewichtsverlagerung besteht. Das sieht dann eigenartig aus und es entstehen Fehler, die auch der schlechteste Reitlehrer sieht (z.B. in der Hüfte einknicken, Absätze hochziehen, vom Pferd rutschen).

Ein weiterer häufiger Fehler: Der Reiter wird während der Körperdrehung oder Gewichtsverlagerung in der Lendenwirbelsäule steif und blockiert damit die Vorwärtsbewegung der Hinterhand. Das ist für das Pferd sehr unangenehm und es reagiert unwillig.

Beim Tai chi findet jede Bewegung ihren Ursprung in der Körpermitte. Weder bei einer Körperdrehung noch bei einer Gewichtsverlagerung von einem auf das andere Bein verliert der Körper “ seine Mitte“. Der Tai Chi Übende findet seine Stabilität ohne steif zu werden.

Die Kombination verschiedener Tai Chi – Bewegungsmuster ist deshalb optimale Gymnastik für Reiter. Der Reiter fühlt schon nach kurzer Zeit viel klarer, ob er auf dem Pferd mit sich selbst im Gleichgewicht ist. Die tiefen und oberflächlichen Muskeln im Bauch und Lendenbereich werden optimal für die für Haltearbeit trainiert, so dass der Reiter sein Gleichgewicht zuverlässig halten kann, ohne steif zu werden.

Außerdem ist er fähig, in jeder Situation den Bewegungen des Pferderückens geschmeidig zu folgen, was ihm in kritischen Situationen (z.B. Scheuen, Buckeln, Sprung) hilft, auf dem Pferd gelassen und freundlich zu bleiben.

In meinen Seminaren/ Workshops „Tai Chi & Mentaltraining für Reiter“ üben wir Bewegungsmuster, die der Reiter anschließend selbstständig ausführen und so seine Reiterei in kurzer Zeit deutlich verbessern kann.

Über die erstaunliche Wirkung der Langsamkeit

Als ich die ersten Male Tai chi Übungen ausprobierte und anschließend auf dem Pferd saß, machte ich eine erstaunliche Entdeckung.

Hätte man mich vorher gefragt, ob ich mit ruhigen Bewegungen auf dem Pferd agiere, hätte ich mit dem Brustton der Überzeugung geantwortet „Aber natürlich!“ Schließlich reite ich seit über 30 Jahren und habe einige Pferde ganz ordentlich und sehr harmonisch ausgebildet. Heute sehe ich das anders.

Tai chi übt man sehr langsam, es ist, als ob man ein Ballett in Slow Motion – oder wie man in meiner Generation noch sagte in Zeitlupe – tanzt. Jede noch so kleine Bewegung wird präzise, deutlich und weich ausgeführt. Wenn man diese harmonische Langsamkeit auf das Pferd übernimmt, kann man wahre Kommunikationswunder erleben.

Probieren Sie es aus: Setzen Sie sich auf ihr Pferd, werden Sie ganz ruhig und machen sie alle gewohnten Bewegungen in Zeitlupe.

Bei einem solchen Selbstversuch wird dem Reiter bewusst, wie viele kleine Zuckungen, Rucke und andere fahrige Bewegungen er macht, ohne es zu wollen. Das Pferd aber nimmt ALLE Bewegungen wahr, die gewollten und die ungewollten und muss dann in rasendem Tempo entscheiden, welche von allen vom Reiter nun bewusst und welche aus Versehen ausgeführt wurden, welche bedeutungslos und welche eine Bedeutung haben.

Kein Wunder, dass Reiter so oft Hilfen wiederholen oder sogar verstärken, weil das Pferd nicht sofort reagierte. Es konnte die Informationen einfach nicht schnell genug in seinem armen überforderten Gehirn sortieren. Und je ruppiger die Einwirkungen gegeben werden, desto eher verspannt sich das Pferd (oder beißt fest aufs Gebiss) um sich zu schützen.

MERKE:

Je langsamer ich agiere, desto deutlicher agiere ich.

Mein Pferd versteht mich viel besser, weil ich es viel weniger störe.

Wenn ich als Reiter eine sparsame, weiche Bewegung einige Male ausgeführt habe ohne dabei störende Nebenbewegungen zu machen, beginnt das Pferd bereits zu reagieren, wenn ich mit meiner Bewegung noch gar nicht fertig bin.

Ein wunderbarer Weg zu einer für Zuschauer unsichtbaren Kommunikation zwischen Mensch und Pferd beginnt.